Reitkunst für Freizeitreiter

 

Sie haben Fragen zur akademischen Reitkunst?

 

Auf Seminaren ist ihnen etwas aufgefallen, sie können es aber nicht einordnen?

Im Unterricht wurde es erklärt, sie können es sich aber nicht genau vorstellen?

 

- dann fragen sie uns!

 rebecca@reitkunst-suedwest.de

 Rebecca mit Queeny und Susanne mit Nadir auf dem Bent-Seminar in Ober-Ostern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Frage 5 (27.10.2014)

Was ist Anlehnung?

 

Antwort: 

Gedanken zur Anlehnung

 

In der Reiterei, nicht nur der Akademischen, strebt der Reiter danach, sein Pferd dazu zu bringen, Anlehnungzu suchen. Es ist die feine Verbindung, die das Übermitteln von Signalen und damit Kommunikation möglichmacht. 

Soweit so gut. 

Schaut man dann genauer hin, dann bestehen bei der Vorstellung zu „Wie, wann und wieviel“ einigeUnterschiede, denen ich hier einmal nachspüren möchte. Es soll keine wissenschaftliche Abhandlung werden,die alle Argumente bis in kleinste Detail beleuchtet, sondern lediglich das „zu Papier bringen“ von Gedanken, die im Alltag immer mal wieder meinen Weg kreuzen.

Vielleicht regt es zur Diskussion an, welche dann letzten Endes wieder ein Quäntchen mehr Klarheit schaffen kann.

 

1.     Was hat Anlehnung mit Zügelzug zu tun?

 

In der konventionellen Reiterei nimmt man eine gut fühlbare Verbindung von Reiterhand und Pferdemaul in Kauf. Mit der Aussage „der Zügel soll nicht springen“ wird gerade auch bei ungeschulten Reitern und Pferden der Zügel oft so kurz genommen, dass es die Reiterarme nach vorne zieht. Das soll so sein, das wird so gelehrt, denn man braucht sie ja, die Anlehnung…

 

Bei der akademischen Ausbildung wird dem Pferd beigebracht, dass auf ein Nachgeben Seitens des Pferdes, ein Nachgeben des Reiters erfolgt. Schenkeldruck wie Zügelzug.

Damit stecken wir aber in einem Dilemma. Wenn beide nachgeben, dann spüren wir sie ja gar nicht, die Anlehnung.

Aber unser Pferd macht, was wir von ihm wünschen, irgendwo muss sie ja sein???

 

2.     Wie lenke ich ohne direkten Zügelkontakt?

 

Wie schön, darauf hat die akademische Reitkunst gleich eine Antwort.

Wir lenken die Vorderbeine, denn sie bestimmen die Richtung, in die sich ein Pferd bewegt. Und da diese nicht am Maul angewachsen sind, sondern über die Schultern am Brustkorb angeheftet, reicht es völlig, wenn ich die Schultern zwischen den Zügeln führe – nicht einfach, aber machbar.

 

Auch hier gilt, verstärktes Anlegen bedeutet „wenden“, normales Anlegen bedeutet „keine Änderung“.

Bei normaler Handhaltung haben die Zügel am Hals immer einen Kontakt. Nur bei der Jungpferdeausbildung nimmt man immer mal wieder einen Zügel ganz vom Hals weg.

 

3.     Wo soll die Anlehnung stattfinden?

 

Für mich ist das oben genannte die Anlehnung: Das Pferd fühlt den Rahmen der Zügel rechts und links am Hals. Abhängig von der Qualität des Reitersitzes kann es dann auch die Nuancen von „mehr“ oder „weniger“ Zügeldruck richtig interpretieren. Der direkte Einfluss des Zügels am Maul bleibt der Korrektur vorbehalten und ist keine Dauermaßnahme.

 

4.     Aber wie merkt das Pferd dann, dass ich den Zügel länger lasse und es sich dehnen soll?

 

Das scheint im Moment die größte Schwierigkeit zu sein. Bei einer direkten Anlehnung am Maul ist der Unterschied zur nachgebenden Reiterhand fürs Pferd (und hauptsächlich für den Reiter) sofort spürbar. Wenn der Zügel etwas mehr durchhängt, dann nicht so sehr.

 

Da wir aber nicht nur am Zügel mit unserem Pferd sprechen, kommt hier wieder unsere stärkste Hilfe, die Sitzhilfe, zum Tragen. Mein Sitz sagt dem Pferd „dehne dich“ (geschlossener Sitz) oder „versammle dich“ (offener Sitz). Wenn ich es dann schaffe, mit meiner Hand nicht dagegen zu arbeiten, dann wird mein Pferd das Angebot auch gerne annehmen.

 

5.     Wie lang sollen die Zügel sein?

 

Meines Erachtens macht es keinen Sinn, die Zügel innen und außen gleich lang zu fassen.

Warum? 

Beim Dehnen folgt das Pferd dem Rahmen, der ihm vom Reiter vorgegeben wird bis es den ersten Widerstand spürt. Durch die Arbeit auf der gebogenen Linie erfolgt bei gleich langen Zügeln der erste Impuls außen, von dem es sofort zurück weicht.

 

Hier gibt es dann zwei Varianten:

a.     Habe ich mein Pferd gut am Sitz (und sitze auch noch richtig), dann erfährt es hier „bleibe in Stellung und Biegung“. Da es den Zug am Zügel grundsätzlich vermeidet, hängen der Äußere leicht und der Innere stärker durch. Je kleiner die Wendung, je stärker schlabbert der innere Zügel.

Es ist anzunehmen, dass unser Pferd davon irritiert wird. Schließlich soll, wenn es alles richtig macht, jede Hilfe so minimal wie möglich sein. Fassen wir den inneren Zügel kürzer, dann hört das Schlabbern auf.

b.     Ein Pferd in der Ausbildung hört vielleicht noch nicht so gut auf den Sitz. Was passiert hier?
Das Pferd dehnt sich, der äußere Zügel gibt zuerst einen Impuls (Zirkelarbeit mit gleich langen Zügeln)

-         und da es gelernt hat, auf Zügelzug nachzugeben, wendet es sich nach außen. Um das zu vermeiden lohnt es sich, auch in diesem Fall den inneren Zügel kürzer zu fassen.  

 

Die Länge des inneren Zügels fordert bei Kontakt einen gewissen Grad der Stellung, die Länge des äußeren Zügels begrenzt diesen Grad der Stellung/ Biegung. Das Pferd kann seinen Kopf im Bereich zwischen diesen beiden Punkten tragen.

 

Zusammenfassend möchte ich sagen:

 

1.     Kein Dauerzug am Maul

2.     Anlehnung findet mit dem Zügel an der Schulter- Halspartie statt

3.     Die direkte Zügeleinwirkung dient nur Ausbildungs- oder Korrekturzwecken

 

Was meint Ihr? 

 

 

Frage 4 (05.11.2013)

Wie erkenne ich eine korrekte Hankenbeugung?

 

Antwort:

Bei der versammelnden Arbeit mit unseren Pferden legen wir immer sehr viel Wert auf vermehrte Gewichtsaufnahme mit der Hinterhand. Um das zu erreichen, muss ein Pferd mit dem jeweiligen Hinterbein unter den Schwerpunkt fußen und dann die großen Hinterhandgelenke beugen. Dabei erscheint es hinten tiefer zu werden und sich vorne mehr aufzurichten. Die Vorhand wird frei und kann aus der Schulter heraus locker in Bewegungsrichtung vor geführt werden.

So weit so gut!

Schaut man dann aber mal genauer hin, dann zeigt sich, dass auch ein gutes Absinken nicht unbedingt eine korrekte Hankenbeugung sein muss.

Dank eines Videos konnte ich zwei Sequenzen aus der Arbeit mit Nadir herauspicken.

 

 

Bild links:
Das rechte Hinterbein wurde nach vorne geführt und übernimmt jetzt gleich die ganze Last. Das linke Hinterbein fußt gleich ab.

Bild rechts:
Mitte der Vorschwungphase des linken Hinterbeines. Man erkennt deutlich an der Hallenwand, wie tief sich die rechte Hinterhand absenkt.

 

Ist das jetzt eine perfekte Hankenbeugung?

Leider lautet die Antwort: „Nein“!

 

Wie aus der Definition oben hervorgeht, soll das Pferd in der Versammlung die großen Gelenke beugen, d.h. deren Gelenkwinkel verkleinern.

Was macht Nadir?

Vergleichen wir doch mal die einzelnen Gelenkwinkel:

Hüftgelenk (gelber und roter Strich)

       Linkes Bild: 84°                             Rechtes Bild:82°                     Verkleinerung 2°

Kniegelenk:
       Linkes Bild: 128°                           Rechtes Bild:105°                    Verkleinerung  23°                                

Sprunggelenk:

        Linkes Bild: 150°                          Rechtes Bild: 136°                   Verkleinerung 14°

Fesselgelenk:

        Linkes Bild: 160°                          Rechtes Bild: 127°                   Verkleinerung 33°

Krongelenk:

         Linkes Bild: 178°                         Rechtes Bild: 155°                   Verkleinerung 23°

 

Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme.

  

Trotzdem kann man hier sehr gut die Hinweise fürs weitere Training ableiten: Nadir ist ein Shagya-Araber mit viel Vollblutanteil. Das hat ihm eine eher flache Kruppe und einen hoch angesetzten und getragenen Schweif beschert. Naturgemäß fällt ihm das Absenken der Kruppe bzw. das Anwinkeln des Oberschenkels schwer. Da allerdings nur diese Bewegung (Annäherung vom Oberschenkel an die Hüfte) eine Anhebung des Lendenbereichs und ein „Nach-Oben-Schwingen“ des Rückens beschert, müssen wir in Zukunft gezielt an dieser Beugung arbeiten.

 

Das er es kann, hat er schon gezeigt: 

 

Hüftgelenk 70°
Kniegelenk 95° 

Sprunggelenk 113°

Fesselgelenk 144°

Krongelenk 138°

 

In diesem Grad der Hankenbeugung ist eine Vorwärtsbewegung nicht mehr möglich. Für die Versammlung in Schritt, Trab und Galopp ist die ideale Beugung der Hanken etwas schwächer (Susanne Waltersbacher)



 

Frage 3 (08.09.2012)

 

Brauche ich auf jeden Fall einen Kappzaum für die Arbeit an der Biegung? Oder geht es auch mit dem Knotenhalfter oder einem normalen Halfter, in das ich links und rechts in die Ringe die Zügel einhänge?

Antwort:

Auf den ersten Blick scheint es, dass die Einwirkung eines Halfter ähnlich der eines Kappzaumes ist. Ich führe ein Pferd und wenn ich links am Zügel zupfe, wendet es den Kopf nach links und und folgt mir auch in diese Richtung. So auch beim Kappzaum...

Warum ist der Kappzaum trotzdem das bessere Kommunikationsmittel?

Wie wir bei der Antwort zur Frage Nr. 2 (über die stärkere Abstellung des Halses) gesehen haben, beeinflusst die Position des Kopfes auch die Position der Hüfte. Diesen Zusammenhang machen wir uns zu Nutze, um dem Pferd die korrekte Bewegung auf der Zirkellinie (Volte, Ecke usw.) zu erklären.

Ein gerade gehaltener Kopf, die Nasenlinie vor der Senkrechten und die äußeren Backenzähne aufeinander liegend, geben der Wirbelsäule des Pferdes eine gleichmäßige Biegung vor, die sich bis zur Hüfte fortsetzt. Die dadurch vorgelagerte innere Hüfte ermöglicht es dem inneren Hinterbein, weit Richtung Schwerpunkt vor zu schwingen und so Gewicht aufzunehmen.

Wird der Kopf vom Pferd zwar nach innen gedreht, aber es verwirft sich im Genick, dann kann die Biegung im Bereich des ersten und zweiten Halswirbels schon nicht mehr richtig eingeleitet werden. Die Folge ist dann auch eine falsch gelagerte innere Hüfte und ein ausweichendes Hinterbein.

Beim Halfter, auch wenn es gut sitzt, kann das alles passieren. Der seitliche Impuls und die Führung des Kopfes ist zu ungenau. Ein Pferd, welches die optimale Kopf/Hals-Haltung noch nicht kennt oder dem diese Bewegung zu anstrengend ist, kann so auf vielfältige Weise ausweichen. Also nicht nur durch Verwerfen im Genick, sondern z.B. auch durch ein Wegdrehen des Kopfes. Dann ist der Hals zwar nach innen gebogen, aber der Kopf schaut nach außen. Doch auch wenn die äußere Haltung scheinbar stimmt reicht schon eine Verschiebung des Unterkiefers nach innen dafür, dass der Unterkieferast auf die Ohrspeicheldrüse drückt (siehe auch Antwort auf Frage 1).
In jedem dieser Fälle wird der Zweck der Übung nicht erreicht.

Ein gut sitzender Kappzaum nimmt anders auf den Pferdekopf Einfluss!


 

Mio mit Wiener Kappzaum

 

Der Nasenriemen mit den drei Ringen wird durch einen Genickriemen gehalten. Er wird nur so stark angezogen, dass das Pferd immer noch problemlos ein Leckerli fressen kann.
Ergänzt wird das Ganze durch den Unterkieferriemen/Ganaschenriemen. Dieser hat am Oberkiefer keinen direkten Gegenpart und kann gut anliegend geschlossen werden, ohne das Pferd dadurch einzuengen.

 

Insgesamt liegt ein Kappzaum sehr gut am Pferdekopf an. Die Gefahr, dass bei einem seitlichen Impuls der äußere Backenriemen ans Auge rutscht besteht dann so gut wie nicht.

So angepasst erfüllt der Kappzaum verschiedene Zwecke:

1. Die Führung am mittleren Ring direkt auf der Nasenmitte setzt direkt am vorderen Ende der Wirbelsäule des Pferdes an. Mit dieser Steuerung beeinflusse ich nicht nur die Bewegungsrichtung des Pferdes, sondern auch die Platzierung von seinem Kopf und der anschließenden Wirbelsäule. So kann ich sicher stellen, dass das Pferd die von mir gewünschte Biegung auch einnimmt.

2. Nachdem das Pferd die Einwirkung über den Kappzaum kennen gelernt hat, kann man auch Zügel in die seitlichen Ringe einschnallen. Die stellende Wirkung ist hier nicht mehr so deutlich, wie auf der Nasenmitte. Da die korrekte Reaktion des Pferdes beim Longieren schon geübt wurde, kann ich sie jetzt auch mit der Zügelführung abfragen. Diesen Effekt mache ich mir beim Reiten zu nutze, wobei ich mit der Kombination von Kappzaum und Gebiss das Pferd sanft in die Biegungen führen kann.

3. Über den Backenriemen geht der Impuls auch an den Unterkieferriemen und unterstützt dadurch das Pferd dabei, seine äußeren Zahnreihen aufeinander liegen zu lassen. Dies ist für ein korrekte und schmerzfreie Stellung und Biegung unbedingt notwendig.

4. Zu guter Letzt, aber wahrscheinlich mit am Wichtigsten, ist, dass ein gut angepasster Kappzaum fürs Pferd bequem zu tragen ist. Er schlackert in der Bewegung nicht am Kopf und ermöglicht trotzdem eine Kaubewegung.  Das macht eine feine Hilfengebung möglich, da der Kappzaum nur "wackelt", wenn ein Impuls über die Longe erfolgt. Die Informationen fürs Pferd können also sehr vorsichtig gegeben und vom Pferd also solche auch rasch verstanden werden. Dies ist eine Grundvoraussetzung für schnellen und nachhaltigen Lernerfolg.

 

Aus verschiedenen Kulturen haben sich verschiedene Kappzäume entwickelt. Die meisten Pferde tragen und verstehen einen leichten Kappzaum sehr gut. Ob man jetzt ein Cavecon für die "Normalos" oder einen Wiener Kappzaum für die "Hochsensiblen" verwendet, sollte von Fall zu Fall entschieden werden.
Eine Serreta mit gezacktem Nasenbügel hat in der akademischen Reitkunsts allerdings keine Daseinsberechtigung. Die Nutzung dieses scharfen Instrumentes geht nicht in Richtung Kommunikation, sondern in Richtung Unterwerfung. Das ist niemals das Ziel unserer Arbeit.

In die Auswahlkriterien eines Kappzaumes muss aber nicht nur das Gemüt des Pferdes mit einbezogen werden, sondern auch der Ausbildungsstand des Longenführers. Solange er noch an seiner Körperbeherrschung und Signalsprache arbeitet, tut er seinem Pferd mit einem gut gepolsterten Kappzaum einen großen Gefallen.

 

Frage 2 (24.08.2012)

Warum reitet/arbeitet ihr eure Pferde mit einer deutlich stärkeren Abstellung des Halses?

Antwort:

Ziel der akademischen Reitkunst ist es, ein Pferd zu reiten, welches beliebig mit dem inneren oder äußeren Hinterbein unter den Schwerpunkt greifen kann, um das gemeinsame Gewicht entspannt zu tragen.
Durch die, über lange Jahre steigende Tendenz in der Pferdezucht, Pferde mit enormem Schub zu fördern, treten die meisten Pferde heute, von Natur aus, nicht mehr unter den Schwerpunkt.

Um Pferde, gleich welcher Rasse, locker und entspannt an das optimale Bewegungsmuster eines Reitpferdes hin zu führen, geht die akademische Reitkunst folgenden Weg:

Hüfte und Genick des Pferdes sind miteinander durch die Wirbelsäule verbunden. Etwas, was vorne passiert, hat Einfluss auf hinten und umgekehrt.

Um mit dem inneren Hinterbein weit nach vorne (Richtung Schwerpunkt) schwingen zu können, muss das Pferd die innere Hüfte nach vorne/unten bewegen. Dies ist nur möglich, wenn sich die äußeren Muskelketten entspannen, d.h. das Pferd sich innen hohl macht.

 

Um die Flexibilität der Muskelketten zu erhöhen, regt man das Pferd im Training zu mehr Dehnungsbereitschaft an. Ein Muskel, der sich maximal dehnt, kann sich auch maximal wieder zusammen ziehen und sich damit auch am besten entwickeln.

Naturgegeben ist die Biegefähigkeit der Halswirbelsäule höher, als die der Rumpfwirbelsäule.Daher sind die Muskeln hier auch zu mehr Dehnung in der Lage.

Wenn ich also auch im Halsbereich eine maximale Dehnung erhalten möchte, dann muss ich mein Pferd zu mehr (korrekter) Biegung auffordern. Das erreicht man mit dem Anlegen des direkten inneren Zügels am Pferdehals und kleinen, zupfenden Impulsen am Pferdemaul.
Durch die maximale Dehnung der äußeren Halsmuskulatur und eine Lockerung von Genick und Unterkiefer entsteht genügend Ganaschenfreiheit, dass die innen liegende Ohrspeicheldrüse nicht gequetscht wird.

Bei einem schon etwas in diese Richtung geschulten Pferd genügt dann ein leichtes vibrieren, vereint mit einem deutlichen Nachgeben am inneren Zügel, um eine gute Dehnungsbereitschaft der Oberlinie zu erreichen.

So gewöhnt es sich nach und nach daran, die Muskulatur der äußeren Halsseite immer mehr zu entspannen. Bei der Dehnung nach vorwärts/abwärts sollte das Pferd dann immer eine nachgiebige äußere Hand finden und sich nur mit der äußeren Halsseite am Zügel anschmiegen.
Das Ziel ist eine sehr leichte Verbindung am Maul am äußeren Zügel und eine völlige Loslösung vom inneren Zügel (Lösen vom inneren Zügel).

Nur wenn die äußere Hand immer gut nachgibt, kann die äußere Halsseite gut locker lassen und damit auch die äußerer Rumpfmuskulatur. Die dadurch entstehende maximale Dehnung der Außenseite und damit verbundene maximale Rotation des Brustkorbes nach außen/oben lässt die innerer Hüfte optimal nach vorne schwingen. Dies erst ermöglicht es dem HInterbein, weit vor, Richtung Schwerpunkt, zu greifen.
Daher gilt: "Vor dem Heranholen der Hinterbeine ist auf einen gelösten Genick-Hals-Bereicht zu achten".

Je weiter das Pferd dann gymnastiziert ist, desto weniger Biegung braucht es dafür.

 

Frage 1 (08.06.2012):

Welche Rolle spielt der Atlasflügel bei der Stellung des Pferdekopfes?

Antwort:

Das Genick des Pferdes besteht aus mehreren Elementen. Ganz vorne, zwischen den Ohren, liegt das Hinterhauptsbein. Es ist das obere Ende des Schädelknochens und von außen recht gut zu ertasten.
Unterhalb der Ohren, etwas über Augenhöhe, liegt das Kiefergelenk. Der hier beginnende Unterkieferast ist der hintere/untere Rand des Pferdekopfes.

  

Das Bild links zeigt die Schädelknochen des Pferdes, die an der Stellung beteiligt sind. Man sieht sie, wie der Reiter sie sehen würde.

Lila: Unterkieferäste
Rosa: Unterkiefer mit Zähnen

Grün: Hinterhauptsbein
Hellgrün: Kiefergelenk

Rot: Atlaswirbel
Hellrot: Atlasflügel

Blau: Axis
Braun: 3. Halswirbel


Der erste Wirbel des Pferdehalses ist der Atlas. Aufgrund seiner Anatomie ist hier nur eine Auf-und-Ab-Bewegung des Kopfes möglich (wie beim "Ja-Sagen"). Der zweite Wirbel (Axis) lässt dagegen nur eine Drehung des Kopfes zu (Bewegung wie beim "Nein-Sagen").
Daher kann eine Beizäumung nur zwischen Kopf und Atlas, eine Stellung nur zwischen Atlas und Axis stattfinden.


Beim Stellen des Pferdekopfes nähert sich der Unterkieferast den Knochenfortsätzen am Hinterhauptsbein (Jochfortsatz: blaugrün) und 1. Halswirbel (Atlasflügel: hellrot).

 

Genick des Pferdes, von der Seite aus gesehen (Nase rechts)

Lila: Unterkieferast

Grün: Hinterhauptsbein/Schädelknochen
Hellgrün: Kiefergelenk
Blaugrün: Jochfortsatz des Hinterhauptbeines

Rot: Atlas
Helllrot: Atlasflügel 



Der Platz für die dort liegende Ohrspeicheldrüse, Muskeln, Nerven und Adern wird geringer.

Beim Reiten in Dehnungshaltung mit offenem Genick ist auch bei untrainierten Pferden genug Platz für die Ohrspeicheldrüse (Ganaschenfreiheit).


Zitat Branderup:
"Eine Senkung des Halses etwas unter die Widerristhöhe und die Nase knapp vor der Senkrechten, bringt die Halswirbelsäule des Pferdes in die zum Reiten benötigte S-Kurve."

Bilder oben:
Stellen des Pferdes im Stand. Hier lernt das Pferd, auf die Aufforderung den Kopf in die gewünschte Richtung zu wenden. In Dehnungshaltung ist die Unterhalsmuskulatur entspannt, die Ohrspeicheldrüse hat genügend Platz. Daher bleiben die Ohren in eine Höhe und das Pferd gibt locker nach.


Je mehr das Pferd aufgerichtet wird, umso enger wird der Raum zwischen Unterkiefer und Atlasflügel/Jochfortsätzen.
Nur durch langsam aufbauendes Training kann sich die für die Aufrichtung benötigte Muskulatur so umbauen, dass die Ohrspeicheldrüse mit ihrem umliegenden Gewebe zwischen den Unterkieferästen hinein gleiten kann und das Pferd auch in dieser Haltung keine Schmerzen hat.
Aus diesem Grund (wenig Platz zwischen Atlasflügeln und Unterkieferästen) ist bei starker Aufrichtung keine Stellung mehr möglich.
Zum Kauen und Schlucken muss das Pferd den Hals wieder mehr in Dehnungshaltung bringen können.


Zitat Branderup:
"Ganaschenfreiheit bedeutet maximalen Raum für Luftröhre, Schlucken und Blutzirkulation, genauso wie für die Ohrspeicheldrüse, die 15 l Speichel am Tag produziert ... . Bei zu wenig Ganaschenfreiheit besteht die Gefahr, dass Teile davon zwischen Unterkieferast und Atlasflügel eingequetscht werden und absterben. Daher steht die Dehnungshaltung an erster Stelle der Ausbildung und wird auch während der Arbeit immer wieder abgefragt."

 

 

 

 

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